HafenlohrGeschichtliche Entwicklung60 Jahre KriegsendeAufzeichnung v.  Heinrich Hettiger


Handschriftliche Aufzeichnung des damaligen Bürgermeisters Heinrich Hettiger. Er schildert die Ereignisse vom April 1945 wie folgt: 

Amerikaner in Hafenlohr / April 1945

Nachdem amerikanische Streitkräfte am 17.O3.45 bei Oppenheim den Übergang über den Rhein erzwungen und den Vorstoß gegen Süddeutschland auf das rechte Rheinufer vorgetragen hatten, rückte die Kampffront unaufhaltsam gegen Osten vor und kam damals unserem Gebiet näher und näher.

Am Sonntag, den 25.O3.45 (es war der Palmsonntag) verbreitete sich in Hafenlohr die Kunde, amerikanische Panzer seien im Westbild von Aschaffenburg erschienen. In den folgenden Tagen hörte man von Kämpfen im nördlichen Spessart und weiter nord- und nordostwärts. Am Karfreitag warfen tieffliegende, leichte Feindflugzeuge viel leichte Bomben über Hafenlohr ab, von denen 2 auf den Holzverladeplatz am Bahnhof und 2 weiter oben, ungefähr in der Mitte des Dorfes, auf den Bahnkörper fielen. Da, wo jetzt das Rathaus steht, war der große Garten von .K. Haas. Hier fiel eine Bombe mitten auf den Bahndamm. Wir, unsere ganze Familie (meine Frau, Tochter und Schwiegersohn mit ihren Kindern) standen im Hof und sahen, wie die Bomben kamen. Durch den Luftdruck wurden in unserem Haus sämtliche Fenster eingedrückt, weil vis a vis kein Haus stand und deshalb der Luftdruck freien Weg hatte. Ein Splitter ging durch ein Schaufenster des Ladens und ein Splitter schlug ein kleines Loch ins Wohnhaus; aber nur der Verputz war beschädigt. Es war ein ohrenbetäubendes Geräusch und wir flüchteten alle in den Keller. Nachdem nichts mehr nachkam, trauten wir uns nach kurzer Zeit wieder raus und sahen die Bescherung: alle Fenster waren kaputt und wir hatten im Hof Glasscherben zusammenzukehren. Notdürftig haben wir dann mit Pappendeckel und Reißstiften die Fenster zugemacht. Kein Schreiner hatte Glas, um die Fenster zu erneuern. Ich nahm deshalb die Bilder, die im Gemeindezimmer hingen und verwendete das Glas, um einigermaßen wieder die Fenster in Stand zu setzen. Die Größen des 1OOOjährigen Reiches wurden ausgebaut und das Glas verwendet. Hitler, Göring, Helmuth und auch Hindenburg mußten dran glauben.

Die darauffolgende Nacht und der Karsamstag verliefen sehr unruhig. In der Nacht 7x Fliegeralarm und beim Tage Tieffliegerangriffe mit Bordwaffenbeschuß. Es traute sich niemand mehr ins Feld zu gehen. Am Ostersonntag-Vormittag herrschte Ruhe. Am Nachmittag verlautete, daß amerikanische Panzer mainaufwärts bis Stadtprozelten und Faulbach vorgestoßen seien. An diesem Nachmittag erschien ein deutscher Feldgendarm und fragte nach dem Bürgermeister und dem Volkssturmführer. Wir bekamen einen Armeekorps-Befehl vorgelesen, den wir beide unterschreiben mußten. Derselbe lautete ungefähr: Wer die weiße Flagge hießt, wird erschossen. Wer den Befehl gibt, die weiße Flagge zu zeigen, wird erschossen. Es wird Widerstand geleistet bis zum letzten Atem. Welch ein Wahnsinn! Für mich als Bürgermeister war das nun keine Kleinigkeit. In Marktheidenfeld wurden damals 2 Soldaten erschossen und in Lohr der Arzt Dr. med. Brand, weil er erklärt hatte, daß Wiederstand völlig wertlos sei.

Am Ostermontag, früh gegen 5 Uhr ungefähr, wurde die Mainbrücke in Marktheidenfeld auf Anordnung der deutschen Wehrmacht gesprengt. Der 2. und 4. Brückenbogen, vom Ostufer aus gesehen, wurden zerstört. Im Laufe des Tages wurde dann noch die Mainfähre in Hafenlohr durch Sprengung unbrauchbar gemacht. Während der Nacht auf den Ostermontag bewegte sich ein nicht enden wollender Zug deutscher Truppen durch unseren Ort gegen Lohr. Im Lauf des Ostermontag kam eine amerikanische Patrollie von Windheim herein und fragte nach dem Bürgermeister. Sie fragten, ob noch deutsche Soldaten im Dorfe seien. Ich verneinte, obwohl ich wußte, daß noch einige Einzelne in der Galgenhecke waren, die wahrscheinlich den Rückzug ihrer Truppen decken sollten. 

Die Patrouille, die aus 3 Mann bestand, nahm mich in die Mitte und gingen das Dorf durch gegen Rothenfels. Unterwegs fragte ich bei verschiedenen Häusern, wo sich Leute an den Fenstern zeigten, ob sie deutsche Soldaten gesehen hätten. Da sagte der Adam Schüppert (Hs.Nr.5)"Vorhin ist einer auf dem Bahndamm hinauf". Ich sagte darauf zu den Amerikanern: "Vorsicht ! Soldaten" Wo, wo? riefen sie. Ich deutete, mit der Hand voraus, die Straße entlang. Als wir dann bei Hs.Nr.1 ankamen, erhielt die Patrollie Feuer von der Bahnüberfahrt aus. Die Amerikaner suchten sofort Deckung in den Höfen und ich schlug mich seitwärts bei Hs.Nr.130 in den Hof und ging durch den Hag zurück. Bei der Brunngasse kam ich heraus. An der Wirtschaft z.Anker sah ich dann die amerikanischen.Soldaten mit Herrn Götz vom Paidiwerk verhandeln. Herr Götz war Deutsch-Amerikaner und konnte sich sehr gut mit den Soldaten verständigen. Ich fragte Herrn Götz, was los sei; da sagte er, sie wollen Verstärkung holen, da sie annahmen, es wären vielleicht noch starke Abteilungen oben im Walde versteckt. 

Eine Stunde später standen amerikanische Panzer mit Zielrichtung auf Hafenlohr bei der Fähre am jenseitigen Ufer. Herrn Götz, der mit den Amerikanern verhandelte und ihnen in meinem Auftrage erklärte, daß keine Soldaten im Dorf seien, wurde erklärt: Wenn noch ein Schuß fällt, wird das Dorf zusammengeschossen. Als Herr Götz mir diesen Befehl überbrachte, odnete ich sofort an, die weiße Flagge gegen das Mainufer zu zeigen und auch auf dem Kirchturm. Da jeder schon die Flagge bereitliegen hatte, war das Dorf in der Zeit von 1O Minuten weiß beflaggt. Ich brauchte dann noch einige beherzte Männer, die Soldaten in der Galgenhecke (es waren ganz junge Leute )zu überreden, daß sie verschwinden. Glücklicherweise kam kein Zwischenfall mehr vor und unser Dorf blieb vor der drohenden Vernichtung bewahrt.

 

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