| Hafenlohr |
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von Marianne Riedel - Januar 2006 Ergänzend zum Bericht „Geschichtliche Entwicklung – 60 Jahre Kriegsende“ und zur Darstellung des damaligen Bürgermeisters Heinrich Hettiger, habe ich durch Aufzeichnungen in der Chronik von Hafenlohr und der Firma Paidi-Werk, sowie durch persönliche Gespräche mit Zeitzeugen noch einiges in Erfahrung gebracht. In der Gemeindechronik von Hafenlohr, auf Seite 102, ist folgendes nachzulesen: „Jetzt am Ende des Krieges – am 2. Osterfeiertag – 2. 04. 1945 wurden die Leute von Hafenlohr in einen panischen Schrecken versetzt. Am Nachmittag zog eine amerikanische Vorhut von 10 Soldaten ins Dorf ein – von Windheim kommend. Am Dorfende wurde diese in der Nähe der Bierbrauerei von deutschen Soldaten, die den Befehl hatten, das Dorf bis zum letzten Stein zu verteidigen, unter Beschuss genommen. Die Amerikaner zogen sich zurück und holten Verstärkung. Bald fuhren jenseits des Maines 10 amerikanische Panzer auf und richteten die rohre auf das Dorf, um, wie es hieß, das Dorf zusammenzuschießen. Alle flüchteten in Schutzkeller und warteten – zum Teil betend und weinend – auf die dinge, die nun kommen sollten. Es war eine Stunde höchster Not, besonders für die Leute auf dem exponierten Kirchberg. Nun schaltete sich der Pfarrer ein. Er verhandelte mit dem Ortsgrupppenleiter, dem Bürgermeister und dem Führer des so genannten Volksturmes im Beisein eines Deutsch-Amerikaners. Der Volkssturmführer behauptete: „Wir sind immer noch deutsch – oben auf dem Berg liegen noch genug SS-Soldaten.“ Schließlich wurde der Forderung des Pfarrers nachgegeben, der verlangte, dass das Dorf kampflos übergeben wird und die weißen Fahnen gehisst werden. Der Deutsch-Amerikaner musste über den Main fahren und die Amerikaner in Kenntnis setzen. Die weißen Fahnen (Bett-Tücher!) wurden gehisst und das Dorf war gerettet. Die Leute, besonders auf dem Kirchberg, konnten erleichtert aufatmen. (Pfarrer Spielmann im Pfarrbuch Seite 105).“ Die vorgenannte Aufzeichnung deckt sich im Wesentlichen mit den Aufzeichnungen vom damaligen Bürgermeister Heinrich Hettiger und denen aus der Chronik der Firma Paidi-Werk. Hinzugefügt werden kann, dass es sich bei dem erwähnten Deutsch-Amerikaner um Karlheinz Götz handelte, der am 1. Juni 1944 das Betriebsbüro der Firma Paidi-Werk übernommen hatte. Am 1. November 1945 schied Karlheinz Götz wieder aus der Firma aus. Er wohnte bei Familie Englert (unterhalb vom Gasthaus Ross) Er war durch seine Englischkenntnisse wohl maßgebend an den Verhandlungen mit den amerikanischen Streitkräften und dem Erfolg für Hafenlohr beteiligt.
Über den Ostermontag berichtet die Paidi-Firmenchronik folgendes: „Am Ostersonntag – Vormittag herrschte Ruhe. Am Nachmittag verlautbarte, dass amerikanische Panzer mainaufwärts bis Stadtprozelten und Faulbach vorgestoßen seien. In der folgenden Nacht sausten von 23 bis gegen 1 Uhr vereinzelte Grananten, aus dem Hochspessart kommend, in südöstlicher Richtung über unser Gebiet hin. Gegen Morgen – Ostermontag – um etwa 5 Uhr, erschütterte ein starker Knall aus Richtung Marktheidenfeld die Luft. Die tags zuvor angesagte Sprengung der Marktheidenfelder Mainbrücke wurde ausgeführt; der zweite und der vierte Brückenbogen, vom Ostufer aus gesehen, wurden auf Anordnung deutscher militärischer Befehlsstellen zerstört. Im Laufe des Tages wurde dann auch die Hafenlohrer Fähre durch Sprengung unbrauchbar gemacht. Während der Nacht auf den Ostermontag bewegten sich in schier nicht enden wollendem Zug deutsche Truppenverbände durch unseren Ort: Einheiten, die vom Hochspessart im Raume zwischen Aschaffenburg und Weibersbrunn mit feindlichen Streitkräften in Gefechtsberührung gestanden hatten, zurückgenommen worden waren und nunmehr in guter Ordnung in Richtung Lohr marschierten. Am Ostermontag erschienen im Laufe des Nachmittags amerikanische Panzerspähwagen auf der Straße Marktheidenfeld-Zimmern und nahmen Hafenlohr gegenüber Aufstellung. Später bewegte sich die aus einem Offizier und sechs Soldaten bestehende Vorhut einer durch das Hafenlohrtal herangebrachten amerikanischen Einheit spähend die Dorfstraße hinauf. Als sie am oberen Dorfende anlangte, fielen aus der „Galgenhecke“, dem bewaldeten Hang zwischen Hafenlohr und Rothenfels Schüsse. Wohl in der Annahme, dass sich in Hafenlohr oder in seiner Umgebung noch deutsche Streitkräfte verborgen hielten, ließ der amerikanische Offizier schwere Panzer aus Marktheidenfeld herankommen, die an Stelle der Panzerspähwagen drüben mit Zielrichtung Hafenlohr auffahren mussten. Dem Bürgermeister wurde auf seine Beteuerung, dass sich im Ort keine deutschen Soldaten befänden eröffnet, dass, falls noch ein Schuss fiele, Hafenlohr zusammengeschossen würde. Gleichzeitig wurde befohlen, dass sämtliche Häuser die weiße Flagge zu hissen hätten, vier Häuser im Dorf für die Einquartierung der vor dem Ort haltenden Kompanie zu räumen seien und dass noch in der Nacht das Dorf auf etwa verborgen gehaltene deutsche Soldaten durchsucht werden solle. Glücklicherweise kam es zu keinem Zwischenfall und Hafenlohr blieb vor der drohenden Vernichtung bewahrt. Marktheidenfeld war im Laufe des Nachmittags besetzt worden, Windheim gegen Abend. Die drei Besatzungen zogen am nächsten Tag ab.“
Mit den Aussagen dreier Zeitzeuginnen lassen sich die vorgenanten Aufzeichnungen ergänzen: Lydia Blum, geb. Dietz berichtete, dass sie als damals 15-jähige beobachtet hat, dass sich in der Galgenhecke am damaligen Bullenstall ein junger fanatischer deutscher Soldat versteckt hatte. Dieser äußerte, dass er noch einen umbringen werde. Er schoss dann auch aus dem Gelände zwischen Bullenstall und anschließenden Gärten mit einer Maschinenpistole zweimal auf Personen, die sich auf der Hauptstrasse in der Nähe des Anwesens Schmiede Georg Grob befanden. (Diese Aussage deckt sich mit der von Bürgermeister Hettiger). Der Vater von Lydia Blum, Franz Dietz, versicherte Bürgermeister Hettiger, der sich auf der Hauptstraße mit den Amerikanern befand, dass nur ein versprengter Soldat geschossen habe. Dieser sei nach den Schüssen geflohen, nachdem ihm Franz Dietz Prügel angedroht hatte. In Höhe der Gärtnerei Fischer war zweimal von der anderen Mainseite in die Galgenhecke geschossen worden. Lydia Blum erzähle auch, dass der Bullenstall mit drei deutschen Panzern umzingelt gewesen sei. Nachdem diese von Berg Rothenfels aus durch Flak beschossen worden waren, fuhren sie auf dringende Bitte von Franz Dietz weiter gegen Lohr. Dort seien die Panzer ausgebrannt. Bei den Panzern befand sich auch ein toter Soldat. Die Munition hatten die Soldaten in den Main geworfen. Da nur wenig Wasser im Main war, ragten die Spitzen der Granaten heraus. Franz Dietz meldete dies bei Heinrich Hettiger und dieser ließ die Munition entfernen. Die Amerikaner hatten sich am unteren Fahr eine Brücke gebaut. Gegenüber der Holzgasse war ein Lager der Amerikaner, die dort auch kontrollierten. In einem längeren Telefongespräch erzählte mir Frau Maria Lauer, die damals in der Brunnengasse wohnte, wie sie diesen Tag erlebt hatte. Vorherrschend war die große Angst vor den Amerikanern und dem Unbekannten, das auf sie zukam. Die Angst um die Kinder und das eigene Leben. Flugzeuge flogen über Hafenlohr in Richtung Würzburg und Schweinfurt. Die Leute suchten Schutz im Keller der Brauerei Englert, der Schule und in den Kellern am Haag. Die Angst gegenüber den Amerikanern legte sich aber zusehends, nachdem sie den Kindern Brot, Schokolade, Kaffee und anderes gaben. Die Frauen wuschen und bügelten dafür die Wäsche der Amerikaner. Maria Lauer berichtete auch, dass sie vor dem Einmarsch der Amerikaner öfters deutsche Uniformen in der Waschküche gefunden hätten. Dafür war die zum Trocknen aufgehängte Wäsche verschwunden. Auch in der angrenzenden Scheune lagen oft Uniformen. Die Leute hatten den Soldaten auch Zivilkleidung gegeben. Wie und wohin die Uniformen verschwanden, wusste Frau Lauer nicht, es wurde nicht darüber gesprochen. Die Angst, verraten zu werden, war immer gegenwärtig. Vermutlich wurden sie verbrannt, denn sie waren oft mit Läusen befallen und die wollte sich niemand ins Haus holen. Persönlich gesehen hat Frau Lauer nicht, dass Pfarrer Spielmann, Bürgermeister Hettiger und Karlheinz Götz über den Main zu den Amerikanern gefahren sind. Aber sie weiß, dass diese viel gemacht haben, dass Hafenlohr verschont geblieben ist. Die Leute gingen nicht auf die Straße, da sie alle Angst hatten. Es ist mir aber doch gelungen, einen Zeitzeugen zu finden, der diese Mainüberfahrt gesehen hat. Wie schon ausgeführt, versteckten sich die Leute am Haag. So auch der damals 10-jähirge Otmar Bilz. Zusammen mit einer Reihe von Leuten aus dem Dorf, den Schwestern der Kinderbewahranstalt, die gegenüber seinem Elternhaus war, flohen sie hinauf zum „Schlangenweg“, der näher am Dorf war, als die jetzige Verbindungsstraße nach Bergrothenfels. Der teilweise tief eingeschnittene Hohlweg, meinte man, biete Schutz bei Beschießung. Jedenfalls hat Otmar Bilz von dort aus sowohl die auffahrenden und ihre Rohre herüber nach Hafenlohr richtenden Panzer gesehen, als auch den Fährschelch mit den Männern und der an einer Stange befestigten weißen Fahne. Er hat auch gesehen, wie ein Trupp amerikanischer Soldaten auf die den Schelch verlassende Delegation zuging und sie dann eine Weile beieinander standen, ehe der Schelch wieder zurück fuhr. Die Delegation bestand aus Bürgermeister Heinrich Hettiger, Pfarrer Johann Spielmann und dem zivilinternierten Amerikaner Karlheinz Götz. Der Fährer war Vinzenz Scherg. Otmar Bilz, Maria Lauer und Lydia Blum berichteten mir auch von den blutjungen deutschen Soldaten, die meinten, Hafenlohr verteidigen zu müssen. Von beherzten Männern, die sie davon abbrachten und von Frauen, die diesen „Kindern“ Taschentücher als weiße Fähnchen gaben. Für die mir zugetragenen Informationen bedanke ich mich recht herzlich bei Allen, die sich die Mühe gemacht haben, mir ihre Geschichte zu erzählen. Sicher gäbe es noch mehr zu berichten und ausführlicher zu beschreiben. Ich hoffe aber, dass die Frage, ob über den Main zu den Amerikanern gefahren wurde, nun doch geklärt ist und sich das „Gerücht“ als wahr entpuppt hat.
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